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Oder: Reflexionen zur Kunst des Jakob Kreutzfeld
 
Text: Nikolai Wojtko     Bild: Jakob Kreutzfeld  

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Die Arbeiten von Jakob Kreutzfeld bewegen sich in einem vielschichtigen Spannungsbogen. Bekannt geworden ist der in Belgien lebende Künstler innerhalb der europäischen Kunstszene vor allem durch seine Rauminstallationen, in denen er so brillant wie scheinbar unauffällig mit den vorgefertigten Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten des Publikums spielt. Der Spannungsraum im Individuum wird hierbei vom Ich weg zum Bereich des Es der Installation gelenkt.

Die Räumen werden durch seine Arbeiten nicht einfach zu Besichtigungsflächen; sie beziehen den Betrachter mit in das Kunstwerk ein. Er wird entweder unwissentlich zum Gestalter der Installation, indem er durch sein Betreten und seine Wanderungen im Raum, Spuren in Form von Scherben hinterlässt. Oder er merkt unwillkürlich, dass die Installation scheinbar selbst viele Augen besitzt, die den Betrachter ansehen und mit ihm in ein Wechselspiel geraten. Die Außen- und Innenansicht gerät auf diese Weise aus der gewohnten Balance.

Wenn sich Jakob Kreutzfeld mit der Frage nach dem eigenen Willen beschäftigt, dann führt er diesen Begriff der scheinbaren Autonomie vor und verweist darauf, dass dieser Wille vor dem schmalen Punkt seiner Freiheit durch eine Vielzahl von Verhaltensweisen geformt ist und letztlich auch Freiheit des Willens ihrerseits eine determinierendes Potenzial auf den Einzelnen ausübt.

Kunst wird so aktiv erlebbar und durch die zumeist aufgerissenen Oberflächen der einzelnen Objekte auch in ihrer plastischen Lebendigkeit und Fragilität deutlich. Dabei zeigt sich die größte Kunst jenseits des Sichtbaren der Installation: Der Betrachter verliert seine gewohnte Rolle, er kann nicht mehr nur betrachten sondern ist unweigerlich in die Installation eingebunden, eine Erschütterung der herkömmlichen Zuschreibungen in einer durchweg ständigen ätzend-ironischen Brechung. Denn letztlich werden unbewusste Mechanismen ins Bewusstsein gerückt. Plötzlich sieht man sich selbst als Teil der Kunst: ein schöner Aspekt, bis man seine eigene partielle Objekthaftigkeit begreift und den Raum der Installation als Erlebnisraum der eigenen Art erfährt.


Es ist was es ist

lesen wir
nachdem es geschrieben worden ist.
Es ist was es ist
sehen wir
nachdem es geschrieben worden ist.
Es ist was es ist
denken wir
nachdem es geschrieben worden ist.
Es ist
die Kunst, die ihren Ausdruck erkämpft
Es ist, was es ist
sehen wir, gerade da wir wissen
das es etwas anderes ist
als es ist
nachdem wir
Es
gelesen
gesehen
gedacht
haben
wie es ist.

Aus der Mitte entstammt die Kunst, sagt uns das
Märchen
Sie entsteht an den Rändern
da
wo nichts ist
und sie zeigt uns
das da was ist
Was es ist
Was wir so
noch nie zu sehen vermochten
Denn vor unserem Blick
War es nicht
Was es ist
Wie die Kunst des Mannes
Der ist was er ist
Jakob Kreutzfeldt

Auch sie
die Kunst
durch die der Mann das wurde
was er ist
entstand als klare Aussage
an den Rändern des Abgrunds
dessen
was sie zu beschreiben
zu interpretieren trachtet
Verschlossen offensichtlich
Offensichtlich verschlossen

Allein deshalb
Deshalb allein
Lohnt sich
ein Blick
allein auf Birkenau
die Tontauben
zerstoben
den romantischen Wald
bei unserem Gang
in den Raum
den wir
zu sehen
uns
nicht einmal vornahmen
gelenkt
wie sonst auch
ihn also einfach
betraten

und schon waren wir drin
gefangen in der Installation
unseres freien
Willens
der uns führte
in den Kreutzfeldtschen Blick

Hinein in die
ätzende Ironie
welche die
Wirklichkeit
in ihre Grenzen zwingt
Denn wir wissen
das
ES
da steht
wo
ICH
werden will
Und
wir begegnen dem Blick
dessen
was uns anschaut
wo wir es nicht erwarten
Aber es ist
was es ist

Die Kunst fängt an
wo das Wort nicht sein kann
Auch wenn es
umgekehrt
eigentlich ist

Es ist
was
ES ist

Der Künstler

Jakob Kreutzfeld, geboren 1969 in Dinslaken, lebt und arbeitet in Belgien und heißt wirklich so. Seine Werke sind bislang in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland zu sehen gewesen.

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